K L A N G N E T Z
Schleswig-Holstein


Klänge, Töne, Geräusche, die ich in den letzten Jahren in Flensburg, Schleswig, Husum, Kiel und Lübeck aufgenommen habe, werden in meinen Klanginstallationen im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Gebäuden der fünf Städte wieder hörbar gemacht. Nicht alle Klänge wird man leicht identifizieren können, denn die Fragmente wurden von mir verändert (isoliert, reduziert, extrahiert, radikalisiert, transponiert, kombiniert, collagiert, addiert, summiert etc.) und erscheinen in jeder Installation verwandelt; manche umspielen die Wahrnehmungsschwelle. Doch Hören allein ist zu wenig, denn ich habe ähnliche oder gegensätzliche Situationen zueinander in Beziehung gesetzt, die nur ganzheitlich wahrgenommen werden können.

Das K L A N G N E T Z startet am 20.8. im Norden, in Flensburg. Es wird über Schleswig in den südlichen Teil Schleswig-Holsteins nach Lübeck gespannt und dann nach Husum an die Westküste gezogen. An der Ostküste, in der Landeshauptstadt Kiel, wird es zuletzt "verknotet". Vom 6. 9. bis 19.9 sind die Orte über die Installationen miteinander vernetzt. Bis zum 6.10.2002. verklingen sie nacheinander.
FLENSBURG


Abbildung 2

Klanglinie - Windspiele Der Uferweg, der um die Hafenspitze führt, wird von hohen Lampen gesäumt. Von mir aufgehängte Karabinerhaken, Holzperlen etc., die je nach Laune des Windes sanft oder ruppig bewegt werden, funktionieren die Lampen zu Klangkörpern um. Sie markieren den Übergang von der stillen Tonlandschaft des Wassers und der Boote zur Tonlandschaft der Stadt, in der je nach Tageszeit und Ampelphase Autos brausen.

Kleinlaut Nur 13 Sekunden dauert die Fahrt mit dem Außenaufzug der Stadtbücherei, dann kann man den oberen Lesesaal betreten oder über den ZOB bis zur Hafenspitze schauen. Kleine Kopfhörer baumeln oben vor den Fenstern, zischeln und zwitschern.

Abbildung 5    Abbildung 6




Abbildung 3

Abbildung 4
SCHLESWIG


Abbildung 7    Abbildung 8

In der südlichen Altstadt, wo Schleswig am lieblichsten ist, gibt es zwei völlig mit Efeu überwachsene Gebäude. Neben ihren braven, stets frischgestrichenen Nachbarkaten sehen die immergrünen Efeuhäuser märchenhaft und geheimnisvoll aus. Sie wogen und rascheln zart.

Vormittags kann man im Efeu das Raunen der Installation Untertöne vielleicht eher ahnen als hören. Aus dem in die Straße ragenden, dichten grünen Giebel dringen leise Stimmen - Laute. Nachmittags, wenn die Sonne auf die Häuser scheint, summen die Wildbienen tief im Efeu der beiden Häuser.

Abbildung 9
LÜBECK


Abbildung 10    Abbildung 11          Abbildung 12    Abbildung 13

Im Süden der Lübecker Altstadtinsel, unweit des Doms, steht die katholische Propsteikirche "Herz Jesu", die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Tiefrot glimmen die hohen, schmalen Fenster im Chor und spenden ein warmes, weiches Licht, das mit der schlichten Ausstattung der Kirche eine ruhige, die Konzentration fördernde Stimmung erzeugt. Mit Chroma verfärbe ich nur minimal das Eigenrauschen des Kirchenraumes.

St. Aegiedien, die kleinste der fünf alten Lübecker Kirchen, wurde im Krieg nicht zerstört, so dass u.a. gotische Wandmalereien, der Singechor aus der Renaissance und der barocke Altar erhalten sind. Die Installation Widerhall ist eine konzeptuelle Geräuschmesse (KYRIE - GLORIA - CREDO - SANCTUS - AGNUS DEI) zur 775-Jahrfeier.
HUSUM


Abbildung 14    Abbildung 15

Der Binnenhafen prägt das Stadtbild mit den engen Gassen, bunten Giebel- und alten Patrizierhäusern. 1989 wurde von dem Architekten Bernhard Winking auf den Resten der ehemaligen Werft ein großes postmodernes Rathaus errichtet. Das in drei Teile gegliederte Gebäude öffnet sich zum Hafen.

Hochtöner Eine Art "auditiver Fries" schallt vom mittleren Geschoss des Nordflügels. Stadtklänge aus Flensburg, Schleswig, Kiel und Lübeck werden dazu in minutenlangen Sequenzen in den "Innenraum im Außenraum" projiziert.



Abbildung 16
KIEL


Abbildung 17    Abbildung 18

In das Hörbüchlein kann nur eine Person hineinhorchen. Das kleinformatige Buch enthält nur leise Klangkapitel, so dass man sein Ohr fest auf den Einband pressen muss, um etwas zu vernehmen.

K L A N G N E T Z steht auf dem Boden im Eingangsbereich der Stadtgalerie geschrieben. Die großformatigen Buchstaben aus 100 Plastikenten mit Bewegungsmeldern bilden einen Parcours. Wenn man an ihnen vorüber- oder zwischen ihnen hindurchgeht, beginnen sie zu schnattern.

Abbildung 21    Abbildung 22




(Am Ende der Ausstellung, wenn die anderen Installationen schon verstummt sind, wird auch der Name des Klangkunstprojektes aufgelöst: Am 6.10., zwischen 16 und 17 Uhr, werden die Enten von mir verschenkt.)

Abbildung 23    Abbildung 24
Abbildung 19

Abbildung 20












Einführungen


Lutz Jahre,Kulturbüro Flensburg

Katja Kölle - K L A N G N E T Z Schleswig-Holstein
Ein Kunstprojekt vom 20. August - 6. Oktober 2002


Zu sehen gibt es in Schleswig-Holstein viel - beispielweise einzigartige Landschaften, beeindruckende Küstenpanoramen oder traditionsreiche Städte. Ein feingliedriges, historisch gewachsenes Netzwerk aus Landschaft und Kultur - auf Postkarten tausendfach verewigt. Doch wer sich getreu dem Motto "Wer Ohren hat, der höre" neben dem reinen Sehen auf weitere Sinne einlässt, erfährt das vermeintlich Vertraute gänzlich anders.

Die bei Düsseldorf lebende Künstlerin Katja Kölle hat in den vergangenen Jahren ihr "Ohrenmerk" auf die besondere Klanglandschaft in Schleswig-Holstein gerichtet. Als ein Ergebnis ihrer Forschungen präsentiert sie in diesem Spätsommer vom 20. August bis zum 6. Oktober das "K L A N G N E T Z Schleswig-Holstein" mit Installationen in fünf ausgewählten schleswig-holsteinischen Städten. Ausgangsmaterial der Arbeiten sind Klänge, Töne, und Geräusche, die sie in den vergangenen Jahren in Flensburg, Schleswig, Husum, Lübeck und Kiel aufgenommen hat und die nun zu konzentrierten Klangbildern verwandelt zu ihrem Ursprung zurückkehren. Die Installationen befinden sich jeweils an markanten Orten im öffentlichen Raum bzw. in öffentlichen Gebäuden und greifen den besonderen Charakter der jeweiligen Orte auf. Die Künstlerin verwandelt die Atmosphäre vertrauter Räume durch das Hinzufügen zum Ort korrespondierender Klänge. Die Orte erlangen dadurch - manchmal fast unmerklich - eine weitergehende hörbare Gestalt und werden als Kunsträume und sinnliches Ganzes neu erlebbar.

Das K L A N G N E T Z Schleswig-Holstein beginnt am 20.8. im Norden des Landes, in Flensburg, mit einer Installation im Außenfahrstuhl der Stadtbücherei sowie der "Klanglinie" an der Hafenspitze. Der Wind verwandelt Leuchtkörper zu Klangkörpern und bringt den Laternen der Hafenpromenade (deren Schirme mit beweglichen Klangerzeugern versehen sind) poetische Töne. In Schleswig werden zwei mit Efeu überwachsene Häuser zum Klingen gebracht. Darauf folgen Stationen in Husum (Klangfenster im Nordflügel des Rathauses ) sowie in Lübeck. Dort befinden sich in zwei Kircheninnenräumen die vielleicht konzentriertesten und dichtesten Arbeiten des gesamten Klangnetzes. In Kiel, der Landeshauptstadt, schließt sich das Netz. In der Stadtbücherei wird Katja Kölle ein klingendes Buch auslegen und im Foyer der Stadtgalerie einen interaktiven, rhythmischen Parcours aufbauen, der aus 100 Plastikenten besteht, die einzeln zu schnattern beginnen, sobald durch die Passanten ihr jeweiliger Bewegungsmelder ausgelöst wird. Vom 6.9. bis 19.9 sind alle Orte über die Installationen miteinander vernetzt. Bis zum 6.10. verklingen sie nacheinander.

Die überwiegend mit leisen Tönen und Geräuschen arbeitenden Klanginstallationen stehen jeweils im unmittelbaren Dialog mit dem Raum, in dem sie sich ereignen. Manche der Klänge sind rau, andere liegen an der Wahrnehmungsschwelle und können leicht übertönt oder überhört werden. Durch den bewusst gewählten Einsatz von subtilen, manchmal kaum wahrnehmbaren Klängen verwandelt sich öffentlicher Alltagsraum zum Hörraum, zum Kunstraum auf Zeit, aus Passanten werden Hörer und vielleicht sogar "Zuhörer". In diesem temporären Klangnetzwerk wird Entferntes und Ungleichzeitiges zueinander in Beziehung gesetzt. Die präsentierten Situationen und Geräusche sind vielfach gespiegelt und aufeinander bezogen. Die vielschichtig geknüpften Fäden und Bezüge verdichten sich auf mehreren Ebenen (u.a. gedanklich, zeitlich, räumlich) zu einem, das gesamte Land überspannenden Klangnetz.

Katja Kölle, geboren in Hamburg, studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Schwerpunkte ihrer künstlerischen Arbeit sind farbige Notationen, Klangobjekte und Installationen in Stadtlandschaften. Eine ihrer in Schleswig-Holstein realisierten Stadtinstallationen ist das Projekt: "Licht, Klang, Duft, Installationen in der Flensburger Innenstadt" 1996.

Das K L A N G N E T Z Schleswig-Holstein findet in Kooperation mit der Stadtgalerie Kiel und der Stadtbücherei Kiel, dem Kulturbüro Flensburg, dem Fachbereich Kultur und dem Stadtmuseum Schleswig, dem Museumsverbund Nordfriesland der Stiftung Nordfriesland und der Stadt Husum, sowie mit der Aegidienkirche des evangelischen Kirchenkreises und der katholischen Propsteikirche Lübeck statt.

Das K L A N G N E T Z Schleswig-Holstein wird durch die KomTel GmbH, Flensburg, gefördert.





Uwe Haupenthal, Nordfriesische Museen

Katja Kölle. KLANGNETZ Schleswig-Holstein

Die Installationskünstlerin Katja Kölle ist in Schleswig-Holstein beileibe keine gänzlich unbekannte Frau, lebte sie doch selbst lange, bis 1997, vor Ort in Flensburg. Aus ihrer jetzigen, rheinländischen Perspektive muss ihr das annexartige nördliche Bundesland wie ein großer, mehr oder weniger abgeschlossener topographischer Bereich vorkommen, den sie mit einer ausgedehnten, an fünf Orten teils nacheinander, teils gleichzeitig präsentierten Klanginstallation zu bespielen weiß. Neben Husum befinden sich Teile der Arbeit in Flensburg am Hafen und in der Bücherei, in Schleswig in der südlichen Altstadt, in zwei ausgewählten Kirchen in Lübeck sowie in der Stadtgalerie in Kiel. Husum ist damit einzige, wenngleich unabdingbare Anlaufstation an der Westküste, was jedoch nicht nur der Lage, sondern auch dem kulturellen Rang der Stadt Rechnung trägt. - Imaginär ist ein Netz ausgelegt, das wohlkalkuliert und durchaus Sinn macht. Und weiß man erst einmal um die anderen Ausstellungsorte, so denkt man diese immer auch mit, selbst dann noch, wenn die anderen Installationsteile selbst nicht erlebt werden können. In Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten fühlt man sich seltsam angerührt.

Friesartig wurde der Husumer Installationsteil von Katja Kölle angeordnet. Und dieses in lichter Höhe, im Außenbereich, an den Fenstern des Ratssaales. D.h., nicht immer sofort wahrnehmbar, wenngleich doch an einer besonderen, eher abgeschieden anmutenden Stelle, die gleichwohl den visuellen und akustischen Bezug zur Umgebung des Hafens nicht verliert. Über die hörbaren Geräusche der Installation nimmt man immer auch, und zwar nach dem Prinzip des Zufalls, die akustischen Signale des Umfeldes wahr. Diese können ebenso aus der Natur wie vom Zusammenleben der Menschen herrühren: Kurze, etwa zweiminütige Sequenzen enthalten neben menschlichen Stimmen, u.a. diejenigen von Krähen, Geräusche von der Schlei in Schleswig, Verkehrslärm, Automaten- und Bahnhofsgeräusche und andere mehr. Diese bilden ein je nach Standort unterschiedliches auditives Grundraster, über das eine zweite, weit längere Sequenz gelegt wurde. Was zunächst oft unklar und verwirrend anmutet, erschließt sich am letzten Ort der Ausstellung, in der Stadtgalerie in Kiel, in einem kleinen sog. "Hörbüchlein", schließlich eindeutiger und dadurch verifizierbar. Ein sich allmählich verdichtender Prozess, denn die Installationen werden nicht gleichzeitig aufgebaut, sondern nacheinander, in zeitlicher Versetzung. Und in gleicher Reihenfolge werden sie schließlich auch wieder abgeschaltet, bis sich das Ganze, auch als Wort "K L A N G N E T Z" sichtbar, in kleinen Plastiken von schnatternden Enten (die mit Bewegungsmeldern versehen sind) auflöst. Ein sinnfälliger Abschluss.

Beeindruckend, mit welcher puristischen Strenge Katja Kölle ihre Arbeit inszeniert hat. Obwohl das Zufällige, Nicht-Kalkulierbare, immer auch Teil der Installation ist, bleibt letztendlich nichts dem Zufall überlassen. Als bewusste Gegensätze beispielsweise teilen sich die Orte mit, an denen die Geräusche aufgenommen wurden. Und unterschiedlicher konnten die Orte der Inszenierung wohl auch nicht sein: Neben dem offenen Hafen in Flensburg und einem Aufzug in der ortsansässigen Bücherei, finden sich zwei märchenhaft erscheinende, efeubewachsene Häuser in Schleswig, zwei Kirchen in Lübeck, eine mit Bewegungsmeldern versehene, das Wort "Klangnetz" nachzeichnende Installation von kleinen Enten in der Kieler Stadtgalerie sowie ein in der Kieler Stadtbücherei ausgelegtes "Hörbüchlein", in das immer nur eine einzige Person hineinhören kann. Kollektive Wahrnehmung steht nicht zuletzt auch gegen das Individuelle. Eine offene, fast diffuse, sich erst nach und nach erschließende Ordnung muss sich gegen progressive Verdichtung behaupten. Mehr noch: Bei konzentriertem Hinhören und Hinsehen finden sich, zumindest in Andeutung, unterschiedliche Erfahrungen und Betrachtungsweisen von Realität. Das Mystische wie das Märchenhaft-Irrationale beispielsweise steht gegen die Erfahrung des Realen in Katja Kölles Husumer Installation. Geräusche werden als eine Art von plastischem Material erfahren, das den engeren wie den weiteren Hafen-Raum konzeptionell aus einer Reihung heraus, auch sichtbar, erschließt. Katja Kölles begrenzende, systematisierte Strenge freilich findet ihren natürlichen Widerpart in den beinahe informell wirkenden Strukturen der aufgenommenen und in einem künstlerischen Akt noch einmal verfremdeten Geräuschen. So gesehen - oder besser: so gehört treffen wir wiederum auf vermittelbare bildnerische Begrifflichkeit, zumal es sich eben letztendlich um ein Bild handelt, eben um ein Klangbild!

Was aber hilft theorielastige Überlegung, wenn man nicht bereit ist, sich in einem umfassenden physischen Sinne auf das einzulassen, was zu hören ist. Unsere Vorstellungskraft, unsere Imagination ist, gegen alle sichtbare Gewohnheit, auf neue und uns womöglich fremde Art gefordert. Das Resultat zumindest ist Sensibilisierung. Ein nicht geringer Gewinn.





Knut Nievers, Stadtgalerie Kiel

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich heiße Sie willkommen zur Eröffnung zweier Klangarbeiten von Katja Kölle, dem "Parcours" aus hundert Enten hier im Forum der Stadtgalerie und dem "Hörbüchlein", das ab kommendem Montag ein Stockwerk höher in der Stadtbücherei stehen wird, aber heute Abend ebenfalls hier im Forum sich hörbar macht. Beide Klangarbeiten sind Bestandteile des Projektes "Klangnetz Schleswig-Holstein", das die in Viersen, unweit von Düsseldorf, lebende Künstlerin Katja Kölle erfunden und realisiert hat.

Sie, Frau Kölle heiße ich heute Abend besonders herzlich willkommen, ebenso wie Ihre Familie, die mitgekommen ist, Vater, Bruder, Ehemann, die Sie auch bei der Realisierung Ihres Projektes unterstützt haben.

Finanziell getragen wird das Projekt von der KomTel Flensburg, als deren Vertreter ich Herrn Hertrampf begrüßen darf.

Und als weiteren Gast möchte ich persönlich willkommen heißen Herrn Ulrich Gebauer vom "TanzOrtNord", der nachher mit den Enten tänzerisch interagieren wird.

Was ist das KLANGNETZ Schleswig-Holstein?

In dem kleinen Heft, das Katja Kölle zu dem Projekt herausgegeben hat und das Sie übrigens für 2 Euro käuflich erwerben können, wovon Sie hoffentlich reichlich Gebrauch machen, gibt die Künstlerin folgende Antwort - ich zitiere:

"Klänge, Töne, Geräusche, die ich in den letzten Jahren in Flensburg, Schleswig, Husum, Kiel und Lübeck aufgenommen habe, werden in meinen Klanginstallationen im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Gebäuden der fünf Städte wieder hörbar gemacht. Nicht alle Klänge wird man leicht identifizieren können, denn die Fragmente wurden von mir verändert (isoliert, reduziert, extrahiert, radikalisiert, transponiert, kombiniert, collagiert, addiert, summiert etcetera) und erscheinen in jeder Installation verwandelt; manche umspielen die Wahrnehmungsschwelle. Doch Hören allein ist zu wenig, denn ich habe ähnliche oder gegensätzliche Situationen zueinander in Beziehung gesetzt, die nur ganzheitlich wahrgenommen werden können." Soweit Katja Kölle.

Gestartet ist das Projekt am 20. August an seinem nördlichsten Punkt - Flensburg - mit zwei Installationen. "Klanglinie - Windspiele" funktioniert die Lampen am Uferweg der Hafenspitze zu Klangkörpern um, die des Windes als Mitspieler bedürfen. "Kleinlaut" tönt im Außenaufzug der Flensburger Stadtbücherei. 12 Sekunden lang hört der Benutzer ein Zischeln und Zwitschern aus kleinen verborgenen Kopfhörern.

"Untertöne" und "Stimmen - Laute" heißen zwei Installationen in Schleswigs Altstadt. Hier raunt es und bienensummt es märchenhaft aus dem Efeu zweier unter dem Bewuchs fast verschwindender Häuser.

Am südlichsten Ort, in Lübeck, sind zwei Kirchen Befestigungspunkte des Klangnetzes. In der katholischen Propsteikirche Herz Jesu verbindet die Arbeit "Chroma" das nur leicht verfärbte Eigenrauschen des Kirchenraumes mit seinem Licht und seiner kontemplativen Stimmung. Die Arbeit für das im Krieg nicht zerstörte St. Aegidien mit gotischen Wandmalereien nennt Katja Kölle eine konzeptuelle Geräuschmesse zur 775-Jahrfeier.

"Hochtöner" heißt die Klanginstallation am postmodernen Rathaus-Neubau am Binnenhafen. Die Künstlerin beschreibt ihre Arbeit dort so: "Eine Art ?auditiver Fries' schallt vom mittleren Geschoss des Nordflügels. Stadtklänge aus Flensburg, Schleswig, Kiel und Lübeck werden dazu in minutenlangen Sequenzen in den ?Innenraum im Außenraum' projiziert.

Am fünften Ort, stehen wir heute Abend mit den beiden Arbeiten, die sich Katja Kölle für die Landeshauptstadt ausgedacht hat, gegenwärtig und hörbereit mitten im "KLANGNETZ Schleswig Holstein. Das "Hörbüchlein", das seinen beziehungsreichen Ort oben in unserer zentralen Stadtbücherei finden wird, ist insofern ein zentrales Stück des Klangnetzes, als es alle Städte miteinander vernetzt, und nur in diesem Büchlein können Sie, meine Damen und Herren, die Stadtklänge unverfremdet hören, wie ich heute die Kieler Nachrichten raunen hörte. Wie es sich für eine Bibliothek gehört, flüstert das Büchlein nur, damit niemand gestört wird. Wir müssen unser Ohr ihm neigen, damit wir hören können, was es uns zu erzählen hat.

In heftigem Kontrast dazu steht die Arbeit der Künstlerin für die Stadtgalerie. Sie besteht aus einhundert Enten, die dank eines in sie implantierten Bewegungsmelders zu schnattern beginnen, sobald wir uns ihnen aus bestimmter Richtung nähern, hier aus fast allen denkbaren Richtungen. So schnattern sie durcheinander, wie in diesem Forumsraum unser Publikum bei Ausstellungseröffnungen oder Veranstaltungspausen und sind doch nicht ganz undiszipliniert, denn sie ordnen sich zu Buchstaben und zu dem Wort K L A N G N E T Z. Solche Formationen kennen wir sonst von großen Sportveranstaltungen. An diesem Ort darf das eher stille Klangnetz laut werden, und ich bin Katja Kölle sehr dankbar, dass sie - wie sie selbst bekennt - der Stadtgalerie die frechste Arbeit ihres Projektes gewidmet hat.

Das KLANGNETZ hat außer der räumlichen Dimension insgesamt auch eine zeitliche. Es hat ja bereits am 20. August in Flensburg begonnen, und es endet am 6. Oktober. In einem Überschneidungszeitraum vom 6. bis zum 19. September sind alle Orte über die Installationen mit einander vernetzt, ist Schleswig-Holstein mit einem Klangnetz überzogen. Danach verklingen die Installationen eine nach der anderen. Für den sechsten Oktober hat Katja Kölle schließlich auch die Auflösung des Namens des Klangkunstprojektes vorgesehen. Dann wird sie hier in der Stadtgalerie die Enten verschenken und Schleswig-Holstein klingt nicht mehr, was ja nicht heißt, dass es hier still wird.

Meine Damen und Herren, meine erste Begegnung mit Katja Kölle, zu der Zeit als die Künstlerin noch in Flensburg lebte, hat 1992 zu einer großen Einzelausstellung geführt, die das Städtische Museum Flensburg und die Stadtgalerie in Kooperation organisiert haben. Die Ausstellung trug den Titel "Farbnotationen - Klanginstallationen" und sprach gleichermaßen das Auge und das Ohr des Betrachters an. Katja Kölle hatte in einer Reihe von malerischen Arbeiten und Installationen Interdependenzen von Klangfarben und Farbklängen untersucht. Neben dem konzeptuellen Aspekt der Arbeiten spielte ihre sinnliche Präsenz eine entscheidende Rolle. Malerei und Klang/Musik steigerten sich wechselseitig in synästhetischem Zusammenspiel. Trotz einer gewissen Leichtigkeit und Heiterkeit stand hinter der Ausstellung ein striktes Konzept, das die Konturen der beiden unterschiedlichen Medien nicht verwischte und die Eigenwertigkeiten nicht vermischte, wie das leider oft bei Klanginstallationen passiert.

Das "KLANGNETZ Schleswig-Holstein" ist - wenn ich das richtig sehe - für die weitere künstlerische Entwicklung von Katja Kölle insofern typisch, als dass der räumliche und zeitliche Zusammenhang von Klang und Ort eine zunehmende Rolle spielt. Neu am KLANGNETZ sind die Dimensionen, in denen Katja Kölle solche Zusammenhänge entfaltet. Im Klangnetzprojekt werden Klänge, Töne und Geräusche nicht nur ihrem realen, natürlichen Zusammenhang entrissen, sondern dem Ort - allerdings verwandelt - wieder zurückgegeben. Dazu sind komplexe Bearbeitungsverfahren notwendig, die die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf die Klänge und auf Charaktere des Ortes richten. In den Installationen sind die Klänge zugleich fremd und heimisch, heimisch vielleicht gerade durch die Fremdheit. Das bedeutet, dass diesen Arbeiten ein mimetisches Moment zukommt, wobei - und das scheint mir besonders wichtig zu sein - die Arbeiten die Orte nicht illustrieren. Insofern fügen sie den Orten eigentlich auch nichts hinzu, was ihnen nicht ohnehin schon gehört oder was zu ihnen gehört. Oder vielleicht muss ich es so sagen. Es entstehen überhaupt erst Klangorte aus dem, was vorher Lokalitäten waren.

Katja Kölle hat Schleswig-Holstein ein riesiges Geschenk gemacht, wofür ich ihr sehr herzlich danken möchte. Erste Gespräche über das Projekt habe ich mit der Künstlerin vor mehr als zwei Jahren geführt. Dass Katja Kölle nie aufgegeben hat, ist eine große Leistung, auch organisatorisch, aber das darf die künstlerische Leistung nicht verdecken. Unterstützt wurde die Künstlerin durch
das Kulturbüro Flensburg
den Fachbereich Kultur und das Stadtmuseum Schleswig
den Museumsverbund Nordfriesland der Stiftung Nordfriesland und die Stadt Husum
die Aegidienkirche des evangelischen Kirchenkreises Lübeck und die katholische Propsteikirche Herz Jesu Lübeck
und die Stadt Kiel.
Die KomTel GmbH Flensburg hat das Projekt durch großzügige finanzielle Förderung ermöglicht.

Allen darf ich - auch im Namen von Frau Kölle herzlich danken. Für Katja Kölle ist die Arbeit am Klangnetz noch nicht beendet. Sie erstellt eine CD ROM, die das Projekt dokumentiert, so dass wir es uns dann in Erinnerung rufen können.

Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend und räume nun demjenigen das Feld, der mit den Enten tanzt, Ulrich Gebauer.



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